Ästhetik der Freifeuerkunst

Europa wurde 1867 zur Weltausstellung in Paris in der Öffentlichkeit erstmalig mit der Schlichtheit und Einmaligkeit der so genannten "Teekeramik Japans" konfrontiert, als hier mit Blumenbändern und Nippes überladene Formen in Porzellan das Geschmack prägende Element verkörperten. 

                                                 Schale, Bizen- Keramik, Momoyama- Zeit, Ende 16. Jahrhundert, Japan

Seitdem hat sich diese Keramik als "Japanische Freifeuerkunst" ästhetisch durch Ausstellungen und Publikationen und das Engagement und Vermittlung zwischen den Kulturkreisen besonders durch Bernhard Leach einen oft intellektuellen Liebhaberkreis weltweit erobert.

Es stellt sich die Frage, warum ist diese erdverbundene Keramik des Mittelalters- mit Sand gemagerte, reduzierend gebrannte Kugeltöpfe sowie später hart gesinterte, rot geflammte Jakobakannen- im Abendland durch "edle Verzierungen" verdrängt worden? Obgleich diese über Jahrhunderte mit ihren besten Gebrauchseigenschaften und in ihrer ästhetischen Wahrnehmung eine sehr begehrte Handelsware darstellte, was man in der "Meißnischen Land und Bergchronica" von Petrus Albinus von 1590 nachlesen kann. Sächsisches Steinzeug- wie auch ebenso das Rheinische- wurden über Antwerpen und Venedig "... von dannen auf der See und Meer ferner andere Länder..." verkauft.

Bei Hieronymus Bosch ist diese Formen- und beseelte Farbensprache noch erkennbar.

                   

Hieronymus Bosch,  Details mit abgewandeltem Steinzeugkrug aus "Flucht aus Ägypten"; Renaissancekrug 1680; Dresdner Porzellan um 1880

Der Philosoph und Publizist Peter Sloterdijk bringt uns mit seiner Behauptung (Dresdner Rede 1999), dass wir Europäer im Denken Westchinesen seinen- einen entscheidenden Schritt bei der Erkenntnis weiter, warum wir die Perfektion und Reproduzierbarkeit als chinesisches Importgut spätestens im Barock als Maß aller Dinge übernahmen. Diese These lässt sich besonders deutlich im Bereich der Keramik und ganz speziell in Sachsen nachvollziehen und belegen. Dieser ungesättigten Gier nach der Natur entrückter Vollkommenheit begegnen wir 1717 in Dresden bei den "Dragonervasen" im Tausch mit 600 voll ausgerüsteten sächsischen Soldaten an den Preußenkönig für die Gegenleistung von 151 chinesischen Porzellanen.

Perfektion und Sterilität mit teilweise grotesker Verspieltheit wurden zum höchsten Ideal abendländischer Wertvorstellung und gelten oft noch heute mit dem Prinzip der stetigen Reproduzierbarkeit.

Galerien sind auf Sensationen und Besonderheiten angewiesen, deshalb produzieren Keramiker in Europa in japanischen Kammeröfen "Japanische Keramik". Dabei ist diese Keramik historisch auch hier bis ins Hochmittelalter beim ungesalzenen geflammten Steinzeug von Siegburg und Köln, Waldenburg und natürlich bis hin nach La Borne in Frankreich im Ursprung technisch sowie ästhetisch nachweisbar und steht in keiner Weise japanischer Keramik an natürlicher Schönheit nach.

Wenn man den Aufzeichnungen folgt, wurde das Prinzip der Schlichtheit in Japan mit Hilfe der Umsiedlung von 200 koreanischen Töpferfamilien realisiert, die für die hoch verehrten Teemeister (Rikyu, Kobori Enshu) erdige Keramik fertigten. Diese Teemeister schufen auch die Gärten mit Steinsetzungen, Teehäuser als Orte der Meditation und entwickelten Teekeramik zum achtungsvollen Benutzen und bewusster Wahrnehmung menschlicher Sinne. Das Entdecken von feinen Farbnuancen durch die Flammen unreproduzierbar eingebrannt, sensibles Betrachten, aber auch Begreifen und Fühlen von Formen mit Händen und Mund, Wasser sieden und eingießen zu hören, zu riechen und zu schmecken. Dies wurde zum Ritual der Stille- was scheinbar neue- oder in Vergessenheit geratene ästhetische Maßstäbe höchster Ansprüche auf seine Weise schuf. Diese Zeremonie- "den Teeweg" empfinden viele Europäer (die so genannten "Langnasen") heute oft noch als exotisch, fern, sehr fern östlich und präsentieren ihren Geschmack fast ausschließlich in schicken Anzügen, Brillen, Autos, Geschäfts- und Wohnhäusern und anderen Fassaden. 

Nur hat man anders als in Europa die Spontanität, Zufälligkeit und Einmaligkeit in Japan als höchstes Ideal vor Jahrhunderten erkannt und diese Ästhetik der sechs alten Öfen so für die Teezeremonie befördert, dass sogar Töpfer zum "Lebenden Staatsschatz" erklärt wurden. Keramik als unversiegbarer Quell an Intuition, Formenvielfalt und der Kunst, nur mit der Kraft und Geschmeidigkeit des Feuers unwiederholbare zu Stein gebrannte Schönheit im Einklang mit der Natur entstehen zu lassen, unspektakulär, unkalkulierbar einmalig, wie jeder Mensch auch.

       

frühes Waldenburger Steinzeug, Fundort Wasserburg Göltzsch, Heimatmuseum Rodewisch

 

Wie sagte doch sehr treffend der anerkannte sächsische Archäologe und Keramikkenner der Jahrtausende:

"Vandalen und vagabundierende Völker haben nie getöpfert!"- und wir leben derzeit leider in einer ausgesprochenen Zeit des Vandalismus.